Film NRW Erstaufführung "6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage"

Ein Dokumentarfilm von Sobo Swobodnik, Deutscher Kinostart 18. Mai 2017
Dokumentarfilmmusikpreis 2017
Uraufführung Internationales Dokumentarfilmfestival München 2017
Nominiert für den Preis der deutschen Filmkritik 2017

„Elias Gottstein überzeugt durch eine mutige Komposition zu einem bildlich radikal auf ein Minimum reduzierten Film. Ihm gelingt ein modernes elektronisches Requiem, konsequent, eigenständig und berückend-bedrückender Intensität, ein zeitgemäßes Tongeflecht, das sich dem Film nicht vordergründig andient, sondern diesen dramaturgisch zu seiner Entfaltung bringt. Subtil webt der Komponist musikalische Motive, die auf den kulturellen Hintergrund der NSU-Mordopfer verweisen, in die Tonebene ein und erweitert den herausfordernden Film zu einem Raum der Reflexion.“ Jurybegründung zum Dokumentarfilmmusikpreis 2017

Der Film „6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage - Die Morde des NSU“ widmet sich der jüngeren rechtsextremistischen Vergangenheit dieses Landes. Nach dem Verlauf des, vor allem für die Opfer und deren Hinterbliebenen, unbefriedigenden NSU-Prozesses in München und dem Erstarken der AfD bei diversen Landtagswahlen, den täglichen Angriffen auf Flüchtlingsheimen und Misshandlungen von Flüchtlingen kommt dieser Film genau zur richtigen Zeit. Er wirft Fragen zu den Mordtaten des NSU, sowie zu rechtsextremistischen Strukturen und Tendenzen in der deutschen Öffentlichkeit auf, die der Münchner Prozess nicht beantworten kann oder will. Ferner gibt er den Opfern Individualität und Persönlichkeit zurück die ihnen jahrelang von den Strafverfolgern und der Öffentlichkeit aberkannt wurden. Er zeigt die Brutalität der Mörder, das Versagen und den institutionellen Rassismus der Ermittlungsbehörden, die Verwicklungen der Verfassungsschutzorgane sowie die Nachlässigkeit und das Scheitern der Medien und Presse.

Wie kann man das Unfassbare darstellen? Wie das Unbegreifliche zeigen? Das Hanebüchene beschreiben? - ohne letztendlich zum Verschwörungstheoretiker zu verkommen?

„Nach dem NSU ist vor dem NSU.“ Mehmet Daimagüler, Anwalt der Nebenklage.

In 6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage, dem Zeitraum in dem der „Nationalsozialistische Untergrund“ zehn Morde gegenüber Migranten und einer deutschen Polizistin verübt haben, nähert sich der Regisseur essayistisch in lyrischem Schwarz-weiß dieser unvergleichlichen rechtsextremistischen Mordserie ausschließlich mit Bildern der zehn Tatorte in einer visuellen kardiographischen Vermessung. Die Orte als stumme Zeugen der Anklage, der Reflexion und Erinnerung. Diese Bilder werden ergänzt von einer Textcollage, bestehend aus Zeitungsmeldungen, Ermittlungsprotokollen, Prozessaussagen, den Statements von Hinterbliebenen und Fachleuten - gelesen von Schauspielern des Berliner Ensembles - die wiederum eingebettet werden in eine Musik-Ton-Komposition des Berliner Musikers Elias Gottstein („Guaia Guaia“). Die Orte treten in den Dialog mit den Stimmen der Hinterbliebenen, der Ermittlungsbehörden, der Presse und finden ihren Widerhall in einem tonalen und musikalischen Reflexionsraum.

Über fünf Jahre sind mittlerweile vergangen seit der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Von wirklicher Aufklärung der rassistischen Mordserie ist bisher wenig zu sehen. Die Anklage stützt sich weiter auf die These, dass der NSU nur aus 3 Personen bestanden hätte, anstatt ihn als Teil bundesweiter Neonazi-Strukturen zu begreifen. Die Rolle des Staates und insbesondere des Verfassungsschutzes ist bis heute ungeklärt und wirft – nicht zuletzt durch umfangreiche Aktenvernichtungen – weiterhin viele Fragen auf. Auch die rassistisch geprägten Ermittlungen gegen die Betroffenen des rechten Terrors bis zum Auffliegen des NSU sind kaum Teil der Debatte, ebenso wenig der gesamtgesellschaftliche Rassismus, der es überhaupt erst möglich gemacht hat, dass eine neonazistische Terrorgruppe jahrelang Migranten ermorden konnte, ohne dass dies als rassistische Gewalt erkannt wurde – obwohl die Angehörigen der Opfer schon früh darauf aufmerksam machten.

„Wir tun alles um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Angela Merkel, Bundeskanzlerin, 23. Februar 2012, Gedenkfeier für die Opfer des NSU.

Der Ansatz scheint hehr, in der Realität verkommt er allerdings zu einer gut gemeinten und politisch ambitionierten, aber bedeutungslosen Worthülse. „Helfeshelfer und Hintermänner“ sind weder restlos identifiziert und aufgedeckt, noch sind alle Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt. Unbehagen und Irritationen, sowie Spekulationen und Fragen bleiben. Vor allem bleibt aber die Angst des Vergessens. Mit dem Film soll nicht nur den Opfern und deren Angehörigen des NSU–Terrors gedacht, sondern auch die allseits bestehende rechtsextremistische Gefahr in Deutschland vergegenwärtigt werden.

„Ich habe einen großen Wunsch: ich möchte meinen Kindern erzählen können, was mit ihrem Opa passiert ist. Ich würde dafür sorgen, dass sie trotz allem ohne Hass aufwachsen. Aber ich möchte ihnen die Wahrheit erzählen können – die ganze.“ Abdülkerim Simsek, Sohn von Enver Simsek, dem ersten Opfer der NSU-Mörder.

Länge: 76 min, schwarz-weiß, Bildformat: 16:9, Dolby surround
Uraufführung Intern. Dokumentarfilmfestival München 2017

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Datum: Donnerstag, 19. April 2018
Uhrzeit: 20 Uhr
Eintritt: frei

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